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Sound Devices 788T-SSD

Produktbewertung (eingereicht am 24. Oktober 2012):

24.10.2012 FW:2.19

Vorstellung:
Der 788t ist das Flagschiff der Recorder aus dem Hause Sounddevices und mittlerweile die buchstäblich graue Eminenz der batteriebetriebenen Mehrspurrekorder für den mobilen Betrieb.
Mit seiner Markteinführung 2008 ist der 788t bereits etwas betagt, was derzeit eher ein Vor- als ein Nachteil sein dürfte, dank einer mittlerweile sehr ausgereiften Firmware, die Sounddevices über die Jahre immer weiter perfektioniert hat und nach wie vor weiterentwickelt.
Sein Hauptanwendungsbereich ist die mobile Originaltonaufnahme bei Film und Videoproduktionen, aber auch für den EB-, Reportage und Dokubereich lässt sich der 788t mit dem CL-8 Bedienfeld zum vollwertigen mobilen Mischer erweitern. Neben Daneben bietet der CL-9 eine Mischerkonsole, mit Fadern, für den Tisch- bzw „Karren“betrieb, die aber, wie der CL-8 auch, nur als erweitertes Bedienfeld gesehen werden kann und keinen eigenständigen Mischer darstellt.
Neben CL-8 und CL-9 bietet Sounddevices noch den CL-2 an, eine Fernbedienung welche an einer Tonangel montierbar ist, und neben einem Fader 4 frei belegbare Funktionsauslöser bietet. So kann auch im Einmannbetrieb mit beiden Händen an der Angel die Aufnahme gestartet und gestoppt und das Signal gepegelt werden. Das Kabel des CL-2 sollte allerdings tunlichst an der Tasche oder besser dem 788t direkt zugentlastet werden, da der RJ12 nicht der stabliste unter den Steckern ist.
Darüber hinaus ermöglicht der CL-WiFi eine kabellose Fernbedienung, derzeit für Transport, Inputrouting und Benennung von Dateinamen und Metadaten in Verbindung mit einem IOS4 (oder höher) Gerät. Sprich Iphone, Ipad und Ipod. Allerdings läuft die Verbindung bis dato nicht immer zuverlässig, sodass diese Option noch eher als brauchbarer Gimmick als als ausgereift zu betrachten ist. Dies dürfte sich aber mit zukünftigen Firmwares hoffentlich bald verbessern.
Metadaten werden nicht nur in die *.wav-Dateien geschrieben, sondern können auch per Menü oder Tastenkombination als SoundReport.csv erstellt werden, die überdies dieverse Angaben von Produktionsfirma, Tonmeister, Telefonnummern, etc beherbergt. Diese lässt sich problemlos mit gängigen Tabellenkalkulationen oder in MovieSlate importieren. Dadurch verschwinden Tonberichte auf Papier oder zusätzlichen Geräten vom Aufnahmeort. Leider erlaubt die Firmware nicht, direkt ein *.pdf zu erstellen.
Menüs, Routing und Dateibenennung haben eine gewisse Lernkurve und man sollte sich etwa einen Tag Zeit nehmen, sich damit vertraut zu machen. Danach hat man eine sehr übersichtliches Gerät, dass alle wichtigen Informationen mit maximal einem Tastendruck vorhält und alle relevanten Einstellungen schnell und intuitiv erreichbar macht.
Ein-, Ausgänge und Wandler halten technisch und klanglich, was man von einem Gerät der oberen Preisklasse erwartet. Die Eingänge lassen sich individuell auf Mic, Line, AES/EBU oder AES42 schalten und für letzteres bringt das Gerät auch 10V Phantomspeisung und Sample Rate Conversion mit. 48V Phantomspeisung für analoge Mikrofone verstehen sich von selbst, lediglich eine Tonaderspeisung für ältere Mikros mag der geneigte Vintagefreund vermissen. Wichtige Features wie Phasendrehung, Lowcut und Eingangslimiter lassen sich schnell de-/aktivieren und über das Menü umfangreich voreinstellen. Angenehm ist, dass die Inputs auch recht gut asymetrische Signale vertragen und man gegebenenfalls auf DI-Boxen verzichten kann.
Alle 8 Eingänge lassen sich beliebig auf 12 Aufnahmespuren, 6 Outputs(analog oder digital) und den Monitorweg routen. Darüber hinaus lassen sich die Aufnahmespuren selbst auf Outputs und Monitorweg routen. Der klassischste Fall ist, jeden Eingang einzeln aufzunehmen und parallel einen L/R-Mix. Die Aufnahme-, bzw Mixspuren haben dafür eingene Limiter, die sich auch verlinken lassen. Der Mix geschieht hierbei auf digitaler Ebene.
Über die 4 symetrischen und 2 asymetrischen analogen oder alternativ 6 digitalen Outputs lassen sich Kameras, Regieabhören, Beschallungsanlagen oder ähnliches versorgen.
Ein relativ neues Feature stellt der sogenannte MixAssist dar. Hierdurch wird ein Automix ähnlich dem Shure SCM810 oder den Produkten von Dan Dugan auch im mobilen Betrieb möglich. Dies wurde bereits in neueren Firmwareversionen optimiert und ist z.b. für Gesprächsrunden sinnvoll nutzbar.

Strom:
Wer den 788t mobil und im Feld, fernab eines 230V Stromnetzes benutzt, wird schnell feststellen, dass mitgelieferte Akku im internen Schacht schnell schlappmacht. Nach wenigen Stunden, je nach Einstellungen ist Schluss. Hier empfiehlt sich eine zusätzliche externe Akkulösung, z.B mittels einer V-Lock oder NP-1 Halterung, die den 788t über den DC-Anschluss versorgt und redundante Ausfallsicherheit gewährleistet. Der 788t wechselt automatisch von externer Stromversorgung auf seinen Akkuschacht und zurück, ohne dass Spannungsspitzen oder Potentialunterschiede in die Tonwege hineinknallen. Akkuwechsel, extern wie intern, sind so reibungslos und während der Aufnahme möglich. Eine solche Lösung sollte man für den Einsatz im Feld mit einbeziehen und in Preis, Gewicht und Taschenplatz einplanen, zumal so Empfänger von Funkstrecken gleich mitversorgt werden können.
Im Unterschied zu seinen kleinen Geschwistern der 7XX Reihe unterscheidet der 788t nicht per Pinbelegung des DC Steckers, ob die externe Stromversorgung eine Akkulösung oder ein Netzteil ist. Dies hat zur Folge, dass man je nach Situation im Menü einstellen muss, ob der interne Akku geladen werden soll oder nicht. Denn wer will schon den einen Akku mit dem anderen laden? Wer zu einer externen Akkulösung greift, sollte darauf achten, dass der Füllstand des Akkus auch in der Tasche gut ablesbar ist. Noch einfacher ist es, wenn der 788t unmittelbar die Spannung erhält, die ein externer Akku auch gerade vorhält. Allerdings regulieren viele V-Lock und NP-1 Halterungen brav und treudoof ihren Output auf 12V und sollten daher von diesem "Feature" befreit werden. Dann kann die Halterung nebst Akku tief in der Tasche verschwinden und die aktuelle Akkuspannung wird im LCD angezeigt. Bei Unterschreitung eines frei einstellbaren Grenzwertes wird man durch Blinken der Anzeige und optional akkustisch im Monitorweg vor einem zu Neige gehenden Akku gewarnt.

Was man wissen sollte:
Der 788t hat mit seiner kompakten Bauform, Bedienkonzepten und Vielseitigkeit Standards gesetzt und auch wenn er nach wie vor ein modernes Gerät ist, konnten spätere Konkurrenten Technologien nutzen, die während seiner Entwicklung noch nicht zur Verfügung standen und die bisher nicht nachrüstbar sind und vermutlich auch nicht werden. Heute stehen Prozessoren und Bauteile zur Verfügung, die stromsparender arbeiten und weniger Hitze erzeugen. Auch nutzen viele neueren Geräte keine Festplatten oder SSDs, sondern beschränken sich auf SD- oder CF-Karten, was Strom und Hitzeentwicklung einspart.
Der 788t kann eine beachtliche Betriebstemperatur entwickeln, insbesondere bei längeren Aufnahmen. Das hat zur Folge, dass das lüfterlose Gerät sich in ohnehin heissen Umgebungen (Sauna, Wüste) überhitzen kann. Dadurch entsteht in der Regel kein Defekt, aber es schaltet sich aus. Hier empfielt sich, es vor längerer direkter Sonne zu schützen und so in der Tasche zu platzieren, sodass die Aluminiumflächen oben und unten noch etwas Luft haben.
Eine weitere Ungnade der frühen Geburt is der Mangel an aktuellen Schnittstellen für den Zugriff auf die internen Daten(träger). Hier bleibt man auf USB2.0 oder Firewire400/800 beschränkt. USB 3.0, Esata oder Gigabit-Ethernet sucht man vergebens.
Wer im 788t einen vollwertigen Stereomix gestalten will muss mit der CL9 Erweiterung arbeiten. Allein, oder in Verbindung mit dem CL-8 erlaubt die Firmware bisher nur Panoramaeinstellungen von L/C/R nicht aber stufenloses Panning von Links bis Rechts. Dass sich hieran noch etwas ändert ist zumindest denkbar.
Allerdings ist es auch ohne CL-9 möglich, Inputpaare als MS zu matrifizieren inklusive stufenlosem Panning.
Der 788t hat keinen dezidierten Returnweg. Wer einen Returnweg benötigt kann dafür einen Input (oder 2 für Stereo-Return) opfern.
Der 788t (zumindest in der HDD Version) hat eine gewisse HF-Abstrahlung. Nicht so stark wie der kleine Bruder 744t, allerdings sollte man etwaige Empfängerantennen nicht unmittelbar über oder direkt neben dem Bedienfeld platzieren, sondern möglichst weit weg vom Gerät.
Die von Sounddevices angebotene CamRade Tasche ist nicht unbedingt die beste, und schon garnicht die einzige. Geeignete Taschen findet man von den Herstellern Kortwich, Portabrace und Petrol.

Die Konkurrenz:
Der 788t erfreute sich in den letzten Jahren einer weiten Verbreitung, u.a. weil es bis auf deutlich klobigere Geräte wie dem Fostex PD606 und PD6, der teuren Aaton Cantar und dem mittlerweile ausgelaufenen HHB Portadrive kaum Alternativen gab. Mittlerweile wird der 788t allerdings von der Konkurrenz preislich stark angegriffen. Selbst im eigenen Hause findet sich bei Souddevices der jüngst vorgestellte 664. Wärend der 788t ein Rekorder mit Mischerfunktionen ist, ist der 664 ein Mischer mit Rekorderfunktionen. Letzterer beherrscht ebenso Mehrspuraufnahmen, bietet aber nicht dieselben Vorverstärker und den Dynamikumfang des 788t. Auch fehlt dem 664 (derzeit noch?) Samplingraten jenseits 48kHz sowie Prerolling was einem je nach Situation durchaus den Allerwertesten retten kann.
Andere Geräte, die mit dem 788t vergleichbar sind ist der 4minX des französischen Herstellers Aeta und der in Europa noch wenig vertretene Nomad aus den Hause Zaxcom. Beide Geräte sind günstiger, verzichten auf SSDs oder Festplatten und können nativ mit AES42 Mikrofonen ohne zusätzliche Hardware umgehen. Allerdings hat man beim 4minX nur 6 Inputs (davon 4 Mic) zur Verfügung. Beim Nomad muss man europäische Händler und entsprechenden Support noch suchen. Wer auf Timecode wert legt, findet im Nomad leider auch nicht die hierzulande üblichen Komponenten von Ambient-Recording sondern muss auf eine externe Lockit Box zurückgreifen. Zaxcom bietet mit dem Mix8 auch ein Faderpult für den Nomad an.
Daneben finden sich noch der Tascam HS-P82 der mit der Steuereinheit RC-F82 ein ähnliches Konzept bietet wie Sounddevices' CL-9 und Zaxcoms Mix-8, allerdings in einem niedrigeren Preissegment. Dies macht sich neben Vorverstärkern und Wandlern auch bei der mangelnden Beleuchtung der Bedienelemente bemerkbar. In dunkler Umgebung findet man sich dort nur schwer zurecht. Die Einheit gehört zu den klobigeren, und eignet sich nur bedingt für den Taschenbetrieb.
Die schon erwähnten und älteren Geräte von Fostex und Aaton zeichnen beide neben Festplatte auf DVD-Ram auf. Dies hatte insbesondere dann Sinn gemacht, wenn im Ausland auf (nicht digitalem!) Film gedreht wurde, und die täglichen Aufnahmen zusammen mit den belichteten Filmrollen täglich in die heimatliche Postproduktion geschickt wurden. Flashbasierte Speichermedien waren für einen täglichen Transport recht teuer. Da heute kaum noch auf Film gedreht wird, und abendlich vor Ort die Tondaten zu den Videodaten kopiert werden können ist die DVD als Datenträger nur noch selten in der Anwendung. Dennoch bleibt die Aaton Cantar die betagte Grande Dame der Mehrspurrekorder. In ihrem zeitlosen Steampunk-Design ist Sie in ihrer überarbeiteten Version X2 der einzige Feldrekorder der gleichzeitig wiedergeben und aufnehmen kann. Ihr stolzer Preis macht sie allerdings ausserhalb von Liebhaberkreisen eher unattraktiv.
Zu guter letzt gibt es noch die Produkte der schweizer Edelschmiede Sonosax. Vom ultraportablen MiniR82 der in eine Manteltasche passt und 2 Mic, 4 Line oder 8 AES Signale auf SSD oder HDD schreibt aber kaum Einfluss im Livebrtrieb auf die Mischung zulässt, über den recht kompakten SX-R8, der neben 8 AES Inputs alternativ 4 Eingänge und Potis für Mikrofone bereithält bis zum SX62R mit bis zu 6 Mic Inputs und vollwertigen Mixerfeatures. Wenn der Vergleich zwischen Sounddevices und Zaxcom dem von Merzedes und BMW gleichkommt, dann ist Sonosax dabei der Rolls Royce. Die Vorverstärker sind in Punkto Toleranz von Signalspitzen ungeschlagen und kaum zum Zerren zu bringen. Für hochdynamische Situationen ist Sonosax ideal. Allerdings schlägt sich das auch im Preis nieder und nicht jeder ist bereit noch das letzte Quentchen Signalperfektion zu bezahlen.

Fazit:
Wer den 788t kauft bekommt ein grundsolides bewährtes und zuendegedachtes Gerät für sein Geld mit einer schnellen Verfügbarkeit für Ersatz und Service. Wer gelegentlich mehr als 8 Quellen einzeln aufnehmen möchte, kann mit weiteren 788t oder seine kleinen Geschwistern kaskadieren die bundesweit verbreitet und mietbar sind. So muss der Transport auf nur einem einzelnen Gerät bedient werden.
Im mobilen Einsatz ist es zusammen mit dem Nomad der schlankeste 8-Mic-Input-Mixing-Recorder auf dem Markt und nimmt alle gängigen Signale entgegen.
Trotz seines Alters ist der Wiederverkaufswert recht stabil. Man findet ihn nur selten auf dem Gebrauchtmarkt und wer einen 788t hat, gibt ihn so schnell nicht wieder weg.
Wem 6 Inputs ausreichen, keinen Automixer, Tonprotokoll oder Faderkonsole braucht oder wenn high-end Vorverstärker und AD-Wadler kein muss sind findet güstigere Alternativen.